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Der Blickpunkt - Interview mit Dr. Norbert Klingel Drucken
Im Gespräch - Die Situation des Handwerksklingel_p.jpg
09.12.2009 - Der Blickpunkt

Teltow-Fläming.

Im Interview mit Dr. Norbert Klingel, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Teltow-Fläming.


Wie etliche andere, so lebt auch der Landkreis Teltow-Fläming wirtschaftlich von und mit dem Mittelstand, jenen Handwerksbetrieben, die durch Ausbildungs- oder Arbeitsplätze der Entvölkerung ganzer Regionen entgegenwirken.

Wie ist der aktuelle Stand und was erwartet kleine und mittlere handwerkliche Betriebe im kommenden Jahr, wollte der BlickPunkt vom Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Teltow-Fläming wissen.

Welche Situation zeigt sich derzeit im Baugewerbe?

Kleinere Betriebe können große Projekte als Generalunternehmer kaum stemmen, können beispielsweise neue Prämissen wie jene aus der Energieeinsparungsverordnung kaum halten. Größere Betriebe, so ab 15 Mitarbeitern, denen geht es gut. Auf der jüngsten Innungsversammlung war der Tenor gut, Leute wurden in den Betrieben eingestellt und man hat eher mit Fachkräftemangel als dem Problem von zu wenig Aufträgen zu tun. Derzeit hat sich die Krise noch nicht auf das Baugewerbe ausgewirkt. Kommt aber der Rückgang in der Industrie, kann das durchaus Auswirkungen auf das Handwerk geben.

Wie viele Unternehmen sind im kommenden Jahr im Handwerkskammerbezirk Potsdam eingetragen und welche Neugründer dürfen Hoffnung auf Erfolg haben?

Im Jahr 2010 werden 17.000 Betriebe eingetragen sein, so viele wie noch nie. Sicher, es sind auch viele Einmann-Betriebe darunter, doch das muss nicht negativ sein. Wichtig ist, dass man ein tragbares Konzept hat, interessiert an Ausbildung ist, und neue Ideen und Techniken nutzen will. Neugründer, die mit den Worten „Ich bin arbeitslos, mit welchem Handwerk kann ich Geld verdienen?" zu uns kommen, werden kaum Chancen haben. Neugründer mit guten Ideen, beispielsweise in der Oberflächenbehandlung, die nur ein Werkzeug zur erfolgreichen Durchsetzung ihrer Geschäfts-idee suchen, sind bei der Kreishandwerkerschaft oder in den Innungen genau richtig.

In Brandenburg hat sich in diesem Jahr die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um sieben Prozent erhöht. Wie ist die Situation im Landkreis?

Im Baubereich sind die Insolvenzen wohl durch. Hier scheint die Konsolidierungsphase der Unternehmen eingetreten zu sein. Allgemein gab es keine Abmeldungen wegen Insolvenz. Meist waren es altersbedingte Abmeldungen, bei denen kein Nachfolger für den Betrieb gefunden wurden.

Was raten Sie Unternehmern im entsprechenden Alter bezüglich ihrer Betriebsnachfolge?

Viele reagieren zu spät. Ich empfehle, zwei Jahre im Vorlauf zu agieren. Da kann man eine Lösung noch gut hinbekommen.

In Brandenburg gab es 2009 trotz Krise ein Plus von 1,7 Prozent bei den Gewerbeanmeldungen. Wie ist dies zu bewerten und welche Branchen haben 2010 gute Aussichten auf Erfolg?

Das ist absolut positiv zu bewerten, gibt es doch, gemessen am europäischen Maßstab, noch immer eine zu geringe Quote der Selbstständigkeit in Deutschland. Ich denke da an den IT- oder Elektrobereich. Ich gehe davon aus, dass Branchen wie Logistik oder Transport mehr und mehr im Kommen sind. Wachsen wird auch der Bedarf bei Dienstleistung und der behinderten-und altersgerechten Häusersanierung. Da wird die Nachfrage, werden aber auch die qualitativen Anforderungen steigen.

Ist man darauf vorbereitet?

Es entwickelt sich. So bietet der Nachbarlandkreis Elbe-Elster bereits jetzt Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepte für Handwerker. Dies wird sogar finanziell gefördert.

Handwerker mahnen offen, dass ihnen aufgrund von Zurückhaltung der Banken oftmals die blanke Liquidität fehlt, um Tagesgeschäfte zu finanzieren. Was wird kommen?

Derjenige, der vorher keinen Kredit bekam, wird auch jetzt keinen bekommen. Meist sind es kleinere Betriebe, die auf bestimmte Fragen der Banken keine Antworten haben. Vieles hängt vom Konzept des Unternehmens ab, nicht von der Größe. Kleinere Betriebe sind flexibler und einfacher durchschaubar, in positiver wie in negativer Hinsicht. Handwerker sind Praktiker, denen es meist nur schwer fällt, ihre Idee gegenüber den Banken erfolgreich zu verkaufen. Varianten wie der Unternehmer-Sofortkredit über Bürgschafts- und Hausbanken sind gute Alternativen, über die wir die Unternehmer gern beraten. Vor dem Gang zur ILB beispielsweise empfehle ich einen Vorab-Besuch bei uns in der Kreishandwerkerschaft.

Manager sind oft in der öffentlichen Kritik. Ist der Manager-Wahlspruch „Tu´ Gutes und rede darüber" auf diese Situation anwendbar?

Unbedingt, gute Konzepte sieht man einem Handwerker doch nicht an. Sie müssen entsprechend kommuniziert werden. Doch was für die Handwerksunternehmen gilt, gilt auch für die Kammern.

Wie ist das gemeint?

Das Image des Handwerks muss und wird aufgewertet werden. Am 16. Januar kommenden Jahres, punkt 20.10 Uhr, startet dazu der Zentralverband des deutschen Handwerks eine bislang beispiellose Image-Kampagne über Fernsehen, Internet, Plakate, in Kinos und vielem mehr. Deutlich werden soll, dass es keinen Bereich öffentlichen oder privaten Lebens gibt, der ohne Handwerk funktioniert. Das Handwerk soll einfach transparenter gemacht werden, gerade für die Jugend.

Seit Wegfall der Meisterpflicht für Gewerbeanmeldungen vor fünf Jahren ist die Zahl der angemeldeten Betriebe um sagenhafte 640 Prozent gestiegen. Können sich die Verbraucher über diese Vielfalt freuen oder birgt sie auch Risiken?

Natürlich ist das Steigen der Gewerbeanmeldungen zunächst einmal ein positives Ergebnis. Das reicht aber nicht. Die Frage ist, wie wirtschaftlich sinnvoll die neuen Unternehmen sind. Viele von ihnen verschwinden schnell wieder vom Markt. Langlebige Unternehmen bringen für die Verbrauchen mehr Sicherheiten, gerade mit Blick auf vierjährige Gewährleistungsansprüche oder Bürgschaften.

Bei Ihrem Amtsantritt vor zehn Wochen sprachen Sie von der neuen Rolle der Kreishandwerkerschaft als „Rathaus der Handwerker". Haben sich erste Erfolge eingestellt?

Ja, allein in der Kfz-Innung haben wir fünf Neuanmeldungen zu verzeichnen. Von großem Vorteil hier im Landkreis ist auch die gute Zusammenarbeit zwischen IHK, HWK und anderen Behörden, beispielsweise auch bei der Bekämpfung der Schwarzarbeit. Ich spüre da einfach eine gute Zusammenarbeit. Man betrachtet sich nicht als Konkurrent, sondern als Partner.

Wie geht man im Landkreis mit der Schwarzarbeit um?

Ich denke, dass der prophylaktische Weg der bessere ist und die Keule des Strafrechts da nichts bringt. Oft sind es nur Informationslücken bei den Betreffenden, die dann nach Aufklärung in eine vernünftige Selbstständigkeit wechseln.

Sehen Sie das Handwerk als gut aufgehoben in Brandenburg und durch seine neue Rot-Rot- Koalition als gut vertreten?

Wir warten einfach die ersten 100 Tage bis zum 14. Februar ab. Diese Chance sollte man auch der Rot-Rot-Regierung geben. Große Gefahren für das Handwerk sehe ich nicht. Letztlich bin ich der Ansicht, dass die Politik machen kann was sie will, das Handwerk kriegt man nicht kaputt. Vieles haben die Unternehmen selbst in der Hand. Setzen sie auf Ausbildung und setzen sie auf Werbung, haben sie gute Chancen in 2010. Problematisch wird jedoch der Fachkräftemangel. Ich denke, dass, wenn auch nicht so hart wie befürchtet, aber dennoch eine Krise aufs Handwerk zukommen wird. Da ist die Politik gefordert.

Welche längerfristigen Risiken sehen Sie für das hiesige Handwerk oder die Unternehmer selbst?

Ganz klar die Altersarmut heutiger Handwerker. Das ist ein echtes Problem, das da auf die Handwerker zukommt. Viele sichern ihr Auskommen jetzt und zu wenige denken an später. Ich meine, Galerie da wird eine Welle an Altersarmut auf uns zukommen, wenn nicht zügig eingelenkt wird, die Handwerker schnell ins Gespräch mit Versicherungsträgern oder uns kommen. Wir arbeiten mit Versicherern zusammen, die handwerksnah agieren und einfach die Sprache der Handwerker sprechen. Bei Fragen können sich die Handwerker gern an die Kreishandwerkerschaft wenden. Entweder kontaktieren Sie uns über Telefon 03372 / 420739 oder informieren sich im Internet zu allen das Handwerk betreffenden Fragen unter www.handwerk-tf.de

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Frank Kuchenbuch
 
erstellt: TKI & Ssoft-Solutions